Samstag, 26. Oktober 2013

Kulturfunk aus Obergiesing: Radio München erhält Sendelizenz

Von Arabella bis 2Day: Um Giesing als Unternehmenssitz hat die heimische Radioszene bislang einen großen Bogen gemacht. Ausgerechnet in der Nähe des Wettersteinplatzes in Obergiesing startet nun ein ambitioniertes neues Radioprojekt für die Landeshauptstadt, das unter dem Namen "Radio München" firmiert und vor allem Kultur in allen Facetten über den Äther schicken will. Unklar ist jedoch, ob der Sender in Giesing bleibt - oder nicht doch noch in die Innenstadt umzieht. Erstmals "on air" geht "Radio München" voraussichtlich Anfang kommenden Jahres.

"Kultur und alles" ist der Slogan von Radio München - einem Sender, der bislang noch gar keine echte Radiostation ist. Zwar basteln die Macher schon an ersten Beiträgen, die bislang aber ausschließlich als Podcasts im Internet abrufbar sind. Echter Livebetrieb? (Noch) Fehlanzeige. Aber das Team um die ehemalige Lora-Macherin Eva Schmidt tut sicherlich gut daran, den Weg zum "echten" Sender mit finanzieller Umsicht und in kleinen Schritten zu planen, lebt das Programm bislang doch hauptsächlich vom Engagement der Macher und Spenden.

Die Idee, mit Engagement und Herzblut ein Medium zu kulturellen Themen auf die Beine zu stellen, kennen die Münchner seit dem Start der mittlerweile recht angesehenen Postille "Münchner Feuilleton", die jedoch - wie der Name bereits suggeriert - tatsächlich sehr feuilletonistisch angehaucht daherkommt, während "Radio München" unter Kultur die Gesamtheit gesellschaftlicher Entwicklungen und Ereignisse versteht und sich thematisch deutlich breiter aufgestellt sieht, wie Programmchefin Eva Schmidt gegenüber Giesing Galore erklärt.

Ähnlich aufgeschlossen soll sich der Sender bei der Musik präsentieren. Während kommerzielle Hitradios in der Regel mit 600 bis 800 Poptiteln auskommen, sollen bei "Radio München" neben lokalen Hip Hop-Bands auch klassische Musik und Jazz laufen - Bezug zur Stadt vorausgesetzt. Die geplante Mischung ist also ähnlich abwechslungsreich geplant wie beim überragenden nationalen Hörfunkprogramm  Deutschlandradio Kultur, bei welchem die Rolling Stones schon mal auf Beethoven folgen und im direkten Anschluss ein ukrainisches Streichorchester den Kraftwerk-Klassiker "Das Model" interpretiert.

Einziges Manko des ambitionierten Projekts: Die Radiolizenz, welche die Bayerische Landesanstalt für Neue Medien (BLM) vor wenigen Tagen vergeben hat, gilt für den digitalen Standard DAB+. Wer mit einem herkömmlichen Küchenradio seinen Lieblingssender empfängt, hat künftig also schlechte Karten für den Empfang von "Radio München". Noch ist auch völlig unklar, ob sich digitales Radio über Antenne mittelfristig überhaupt durchzusetzen vermag, geschweige denn, wie viele Hörer DAB+ aktuell in München bereits nutzen. Seitens der Politik wird der neue Standard aber schon als "Radio der Zukunft" gefeiert.

Mit der Ausstrahlung im DAB-Standard blicken die Macher aber nicht nur in die digitale Zukunft, sondern gleichzeitig zurück in die Anfänge des Privatradios in der bayerischen Landeshauptstadt. Die lizenzierte Frequenz wird nämlich nicht exklusiv durch "Radio München" genutzt, sondern mit einem Sender des katholischen St. Michaelsbunds geteilt. Während letzterer vorwiegend tagsüber und sonntags auf Sendung sein soll und bereits im Internet das "Münchner Kirchenradio" betreibt,  ist Radio München auf DAB+ künftig in den Abend- und Nachtstunden sowie in der geplanten Hauptsendezeit bis 10 Uhr am Morgen zu hören.

Ein ähnliches Modell gab es auch zu Beginn des UKW-Privatradios Ende der 80er Jahre, als sage und schreibe mehr als ein Dutzend Anbieter für nur drei freie Frequenzen lizenziert wurden und zum Teil nur stundenweise zu hören waren - darunter längst vergessene Namen wie Jazzwelle Plus, Musikwelle Süd und Radio 44. Das Modell des "Frequenzsplittings" könnte den Ausschlag dafür geben, dass zumindest die operative Seite von "Radio München" perspektivisch doch wieder aus Giesing in die City zieht.

Während die Macher von "Radio München" zwar über einige Aufnahmetechnik in Obergiesing verfügen, aber noch nicht über die notwendige Technik für einen Livebetrieb, besitzt Frequenzpartner St. Michaelsbund am Rande des Altstadtrings nagelneue Sendetechnik. Auch wenn die Programme inhaltlich nicht wie die Faust aufs Auge passen: Wirtschaftlich ist es in jedem Fall sinnvoll, Synergien zu nutzen und die Studios gemeinsam zu betreiben. Programmlicher wie finanzieller Erfolg wäre den Giesinger Radiomachern jedenfalls zu wünschen. Mit dem geplanten Programm füllt "Radio München" nämlich nicht nur eine Lücke im lokalen Hörfunkangebot, sondern könnte gleichzeitig das beste Argument für den DAB-Übertragungsstandard und den Kauf eines neuen Digitalradio-Empfängers sein.

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